Politiken der Reproduktion. Die Frauenbewegung und die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in der Schweiz (1971-2002)

Schmitter, Leena (2014). Politiken der Reproduktion. Die Frauenbewegung und die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in der Schweiz (1971-2002). (Dissertation, Universität Bern, Philosophisch-historische Fakultät)

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Die Frauenbewegung nach 1968 hat die weibliche Kontrolle über die weibliche Reproduktion als ein zentrales Thema angesehen und die Möglichkeit eines legalen und sicheren Abbruchs einer Schwangerschaft als eines ihrer wichtigsten Ziele betrachtet. Im Gegensatz zu anderen AkteurInnen – etwa politischen Parteien, Initiativkomitees, intermediären Gruppen und anderen Frauenorganisationen – ging es den feministischen Aktivistinnen in diesen Debatten um mehr als eine juristische Regelung, um mehr als einen Paragraphen: Sie verstanden die Entscheidung „Ob Kinder oder keine […]“ als eine Frage der Kontrolle über ihre Leben, als eine Voraussetzung, um ganz in der Gesellschaft partizipieren zu können. Wie in anderen europäischen Ländern und den USA haben Feministinnen in der Schweiz seit den 1970er-Jahren für die Straflosigkeit und Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs gekämpft – im Namen von Selbstbestimmung, Autonomie und körperlicher Integrität. Entkriminalisierung bedeutete für sie nicht nur eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs innerhalb eines Strafrechts „von Männern für Männer“1, sondern auch die Anerkennung von Frauen als politische Subjekte: Sie verstanden „den Kampf für den straflosen Schwangerschaftsabbruch als Teil des Kampfes für die Befreiung der Frau“.

In den 1980er-Jahren wurde die Forderung nach weiblicher Selbstbestimmung allerdings auf die Probe gestellt: Das Aufkommen genetischer und reproduktiver Technologien machte neues Wissen zugänglich und stellte Frauen vor neue Entscheidungen: Sollten Embryos oder Föten, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit körperliche oder geistige Beeinträchtigungen haben könnten, abgetrieben werden? Bedeutete „freie Wahl“ auch die Forderung um ein „Kind um jeden Preis“? Was bedeutete „Autonomie“ in diesem neuen Kontext? Unter diesen neuen Vorzeichen setzten sich feministische Gruppen kritisch mit diesen neuen Technologien auseinander und wiesen auf den engen Zusammenhang zwischen technologischen Entwicklungen, der Selbstbestimmung von Frauen und dem neoliberalen Paradigma des freien und autonom handelnden Individuums hin.

Gleichzeitig formten die „Lebensrechtsbewegungen“ und die öffentliche Rede über den Fötus die Debatten um Abtreibung und konstituierten ihn als eigenständiges Wesen mit Persönlichkeitsrechten. Gewollt oder ungewollt wirkten auch neuartige Visualisierungen wie Wasser auf die Mühlen der Abtreibungsgegnerschaft. Embryos konnten nun als „sprechende Subjekte“ inszeniert und entsprechender moralischer Druck öffentlich aufgebaut werden.

Ab den 1990er-Jahren bestimmten vermehrt Parteien und Lobbyorganisationen die Dynamik der Abtreibungsliberalisierung. Gleichwohl konstituierte sich mit der Feministischen Koalition / Coalition Féministe / Coalizione Femminista / Coaliziun Feminista (FemCo), einem Netzwerk verschiedenster Frauengruppen und -Organisationen, eine neue Trägerin der feministischen Abtreibungsbewegung, die bis ins Jahr 2002 aktiv war. Auch in der letzten Phase liessen sich Feministinnen für die Abstimmungskampagne mobilisieren. Sie situierten sich mit der Forderung nach der Freigabe der Abtreibung in der Argumentation der Frauenbewegung nach 1968. Dieses erneute „kritische Ja“ zu einer Fristenregelung führte wiederum zu heftigen Auseinandersetzungen mit Befürworterinnen und Befürworter einer reinen Liberalisierung und die Spuren der über dreissigjährigen Auseinandersetzungen zeigten sich überdeutlich.

In der Dissertation wird der Einfluss der Frauenbewegung auf die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in der Schweiz untersucht. Dem kulturhistorischen Ansatz der neuen Politikgeschichte folgend, werden einerseits die Rollen und Positionen verschiedener Gruppierungen untersucht, die an der Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs im Jahre 2002 beteiligt waren. Herausgearbeitet werden die Verschränkungen, Wechselwirkungen, Anknüpfungspunkte und Abgrenzungsmechanismen der unterschiedlichen AkteurInnen. Ziel ist es, den Einfluss feministischer Bewegungen auf den legislativen Wandel zu untersuchen, der sich zwischen 1971 (erste Initiative zum straffreien Schwangerschaftsabbruch) und 2002 (Annahme der so genannten Fristenregelung) erstreckte und wie – im Sinne der Reziprozität – die Debatte über den Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz die Frauenbewegung veränderte. Ziel ist es, die sich verändernden Konstellationen, An- und Abgrenzungen (Wechselwirkungen) der AkteurInnen genauer nachzuzeichnen. Die vorliegende Arbeit strebt eine empirisch gesättigte historische Analyse diskursiven Wandels an, welche die feministische Politiken und Transformationsstrategien rekonstruiert. Andererseits liegt ein Forschungsinteresse darin, wie Akteurinnen der Frauenbewegung nach 1968 Diskurse über Körperlichkeit und Autonomie nutzten und ihre juristisch-politische Entscheidungsmacht deuteten. Es wird danach gefragt, wie Feministinnen vor diesem Hintergrund ihre Handlungs- und Argumentationsstrategien wählten und legitimierten sowie, insbesondere, wie sie „Schwangerschaftsabbruch“ als ein soziales Phänomen deuteten und als politisches Thema konstituierten – und damit zusammenhängend: Was verhandelten Feministinnen im Reden über Schwangerschaftsabbruch? Ein spezielles Interesse gilt der Frage, wie das Politische konstituiert wurde – wie sich ökonomische, religiöse, kulturelle und ethisch-moralische Fragen in politische Fragen transformierten. Dabei wird Politisches auch dort erkannt, „wo es nicht um die Herstellung kollektiv bindender Entscheidungen ging“ und wo es sich nicht um staatsbezogene Politik handelte. Das Feld der institutionellen Politik und das ausserparlamentarische Feld der Bewegungsaktivistinnen sind aber aufeinander bezogen. Die Auseinandersetzung mit Abtreibung ist ein paradigmatischer Fall für feministische Debatten, denn an ihnen wird die Spezifität der Frauenbewegung der Schweiz besonders deutlich.

Item Type:

Thesis (Dissertation)

Division/Institute:

09 Interdisciplinary Units > Interdisciplinary Centre for Gender Studies (ICFG)

UniBE Contributor:

Schmitter, Leena; Schulz, Kristina and Davis, Kathy

Subjects:

300 Social sciences, sociology & anthropology
900 History

Language:

German

Submitter:

Igor Peter Hammer

Date Deposited:

04 Jul 2017 12:30

Last Modified:

04 Jul 2017 12:30

URN:

urn:nbn:ch:bel-bes-2856

Additional Information:

e-Dissertation (edbe)

BORIS DOI:

10.7892/boris.101719

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/101719

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