Die Spätbronzezeit in der Zentralschweiz. Siedlungsformen, Ökonomie, Kult und Kulturgrenzen zwischen 1350 und 800 v.Chr.

Dillier, Oliver (2017). Die Spätbronzezeit in der Zentralschweiz. Siedlungsformen, Ökonomie, Kult und Kulturgrenzen zwischen 1350 und 800 v.Chr. (Dissertation, Universität Bern, Philosophisch-historische Fakultät)

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Die im Kanton Luzern am besten erhaltene und untersuchte spätbronzezeitliche Siedlungsstelle Sursee-Zellmoos liegt in Sursee auf der Halbinsel Mariazell am nördlichen Ende des Sempachersees. In einer 37 m2 umfassenden Flächengrabung konnten zwischen 2005 und 2008 vier von 12 bisher bekannten Hausstandorten partiell gegraben werden (Häuser 4, 9, 12 und 13). Mit dem Bau des zweiräumigen Hauses 4 beginnt die spätbronzezeitliche Besiedlung in der untersuchten Fläche. Das Gebäude besteht in der gesamten Lebensdauer aus einem westlichen und östlichen Raum, in der Bauphase zusätzlich mit einem nördlich gelegenen Anbau. Es wurde für jeden Raum separat ein einlagiges Steinfundament direkt auf den Torf gelegt. Im Anbau wurden in der Steinlage parallele Holzbalken gelegt. Im südlichen Teil vom westlichen Raum fehlt die Steinlage. Auf dieses Fundament wurde in jedem Raum ein steriler Lehm eingebracht. Der nördliche Gebäudeabschluss wird durch eine Doppelpfahlreihe gebildet, wobei alle Pfähle aus Weisstanne bestehen. Die Lehmestriche wurden im westlichen und östlichen Raum immer wieder erneuert und zum Teil nochmals mit Kies- und Steinschichten neu fundamentiert. In jedem Raum befand sich in jeder Hausphase jeweils eine Herdstelle. Die Reste eines zweiphasigen Kuppelofens lagen ausserdem im östlichen Raum. Das Gebäude brannte am Schluss nieder. Die erhaltenen Hüttenlehmstücke der in situ verstürzten Wände besitzen Abdrücke von Rundhölzern. Das längs zum Seeufer stehende Haus war 4 m breit und mindestens 24 m2 gross. Südlich dieses Hauses war die Gasse zum nächsten Haus rund 1.2 m breit, nördlich 2 m. Das südlich anschliessende Gebäude (Haus 9) besitzt ebenfalls ein Steinfundament mit einem mehrfach erneuerten Lehmestrich. Beim nördlich stehenden Gebäude (Haus 12) wurde ein Lehm ohne Unterlage direkt auf die Kulturschicht gelegt. Die Häuser 9 und 12 wurden nach Haus 4 errichtet und standen beim Hausbrand bereits nicht mehr. Nach einem über 120 Jahre dauernden Unterbruch wurde an gleicher Stelle nochmals gesiedelt. Kurz nach der Errichtung brannte das Gebäude dieser zweiten jüngeren Siedlung (Haus 13) jedoch ab. Von diesem Haus hat sich das Steinfundament und der beim Brand verziegelte Lehmestrich erhalten. Ca. 25000 Keramikscherben kommen eindeutig aus den zwei spätbronzezeitlichen Siedlungen. Das meiste nichtkeramische spätbronzezeitliche Material ist unstratifiziert und stammt aus den Altgrabungen, kann aber grösstenteils typologisch entweder der 1. oder 2. Siedlung zugeordnet werden. Die Keramikscherben sind sehr klein fragmentiert und schlecht zusammensetzbar. Das Material der 1. Siedlung wurde in die Bauphase 1. Siedlung „unten“, die Erneuerungsphasen 1. Siedlung „oben“ und den Schutt des Siedlungsbrandes in die 1. Siedlung „Brandhorizont“ aufgetrennt. Dadurch konnte bei der Keramik eine Veränderung des Materials innerhalb der 1. Siedlung und im Vergleich zur 2. Siedlung festgestellt werden. Dendrodaten datieren den Beginn dieser älteren Siedlung ins Jahr 1055 v. Chr. Anhand von typologischen Vergleichen am Fundmaterial wird diese Siedlung um oder kurz vor 1000 v. Chr. abgebrannt sein. Die zweite jüngere Siedlung datiert über typologische Vergleiche in das zweite Viertel des 9. Jh. v. Chr. Im Verlauf der 1. Siedlung nehmen die Anteile der Schüsseln und Kalottenschalen zu und der Töpfe ab. Den grössten Anteil haben aber in beiden spätbronzezeitlichen Siedlungen die konischen Schalen und Töpfe. Die feinkeramischen Gefässtypen wurden reduzierend schwarz gebrannt, nur die Töpfe besassen ursprünglich eine hellere Oberflächenfarbe. Durch den sekundären Brand und die chemische Verwitterung in den oberen grundwasserfernen Schichten besitzt die Mehrheit der Scherben in den Siedlungsphasen mit Bränden graue und rote Farben und schlecht erhaltene Oberflächen. Bis auf die Schüsseln nehmen die Wanddicken bei allen Gefässtypen zu. Beim Siedlungsbeginn der 1. Siedlung besitzen die konischen Schalen mehrheitlich abgestufte Innenränder und deutlich ausladende Ränder. Die Ränder werden während der 1. Siedlung immer schwächer ausladend. Diese Entwicklung führt bis in die jüngere Siedlung weiter, wo der Anteil der geraden Ränder stark zunimmt. Bei den Töpfen nimmt der Anteil der kantig profilierten und gekehlten Ränder immer mehr ab. In der 2. Siedlung sind dann die Hälfte der Topfränder völlig verflaut. Der Anteil der verzierten Keramik nimmt von der 1. zur 2. Siedlung ab. Kammstrich verschwindet bereits kurz nach dem Beginn der 1. Siedlung fast vollständig. Dafür kommen neu Fadenlöcher vor. Hauptsächlich kommen auf der Feinkeramik Riefen, Strich- und Ritzlinien und Einstiche vor. Vertiefte Verzierungen wie Einstiche und Ritzlinien waren häufig mit einer weissen Masse verfüllt, die vor allem in den unteren Schichten noch erhalten ist. Stichelverzierungen sind eher selten. Bei den Töpfen sind in beiden Siedlungen vor allem Eindrücke und Fingertupfenreihen bei der Randlippe und dem Randknick vorhanden. In der Bauphase der 1. Siedlung kommen auf dem Rand der konischen Schalen vor allem Zickzackmuster vor. Der Anteil dieser geht im Verlauf der 1. Siedlung zugunsten von Schrägstrichdreiecken und Einstichen zurück. Zu Beginn der 1. Siedlung sind noch Halbkreismuster vorhanden, die danach verschwinden. Neu hinzu kommen danach dafür Mäander- und Sanduhrmotive. In der 2. Siedlung sind die Ränder der konischen Schalen nur noch selten verziert. Die Innenverzierung besteht hauptsächlich aus Riefen. Es treten vereinzelt rot bemalte grobkeramische Scherben auf. Bei den Keramik- und Knochenfunden handelt es sich um Siedlungsabfall, der sich hauptsächlich ausserhalb der Häuser ansammelte. Die gute Befunderhaltung erlaubt eine gute Lokalisierung der Funde im Bezug auf die Hausgrundrisse. Scherben vom gleichen Gefäss streuen nicht über mehrere Hausseiten. Webgewichte und Spinnwirtelfunde aus Haus 4 belegen die Textilproduktion in diesem Haus. Eine Webgewichtkonzentration in der 2. Siedlung zeigt vermutlich den Standort eines Webstuhles an. Im Hinterland der Seeufersiedlungen, rund 500 m nordwestlich der Halbinsel Zellmoos, befinden sich auf dem Hofstetterfeld weitere spätbronzezeitliche Befunde. Entlang und unter einem 2.5 m breiten spätbronzezeitlichen Weg mit Karrenspuren befanden sich Pfostenlöcher, aus welchen fünf Gebäude und eine Umzäunung rekonstruiert werden können. Der Weg kann auf einer Länge von 70 m verfolgt werden. Drei kleinere Häuser sind zwischen 5 und 9 m2 gross, zwei weitere 21.5 und 23 m2. Möglicherweise handelt es sich um ein Gehöft mit mindestens zwei Wohnbauten und drei Speicherbauten. Im weiteren Umkreis befanden sich in regelmässigen Abständen 21 Brandgruben, die oft in parallel zueinander angeordneten Gruppen vorkommen. Das spätbronzezeitliche Fundmaterial kann zur zentral- und ostschweizer Gruppe der rheinisch-schweizerisch-ostfranzösischen Kultur eingeordnet werden und wurde überwiegend lokal hergestellt. Nur wenige Objekte im Kanton Luzern stammen ausserhalb dieser Region und wurden aus Norditalien, Westfrankreich, der ungarischen Tiefebene, dem Alpenrheintal oder dem Erzgebirge importiert.

Item Type:

Thesis (Dissertation)

Division/Institute:

06 Faculty of Humanities > Department of History and Archaeology > Institute of Archaeological Sciences
06 Faculty of Humanities > Department of History and Archaeology > Institute of Archaeological Sciences > Pre- and Early History

UniBE Contributor:

Stöckli, Werner Ernst and Nielsen-Bigler, Ebbe Holm

Subjects:

900 History > 930 History of ancient world (to ca. 499)

Language:

German

Submitter:

Igor Peter Hammer

Date Deposited:

05 Jan 2018 11:26

Last Modified:

22 Oct 2019 17:24

URN:

urn:nbn:ch:bel-bes-3060

Additional Information:

e-Dissertation (edbe)

BORIS DOI:

10.7892/boris.108707

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/108707

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