Sportpartizipation in einer sich wandelnden Gesellschaft

Klostermann, Claudia (5 November 2011). Sportpartizipation in einer sich wandelnden Gesellschaft (Unpublished). In: Jahrestagung der dvs-Sektion Sportsoziologie Sportentwicklung als Gegenstand soziologischer Forschung und Beratung. Bochum, Deutschland. 3.-5.11.2011.

Einleitung Gesellschaftliche Veränderungen und aktuelle Entwicklungen im Sport stehen im Zusammenhang. Die in den vergangenen Jahrzehnten stetige Zunahme der Sport-partizipationn kann durch ein zunehmendes Gesundheitsbewusstsein sowie die Orientierung an Körper- und Jugendlichkeitsideale in Verbindung mit sportpoliti-schen Programmen zur Bewegungsförderung begründet werden. Allerdings gibt es kaum Arbeiten, welche diesen Zusammenhang empirisch überprüfen. Ziel des Bei-trages ist es deshalb, die Entwicklungen und Veränderungen auf der Makroebene durch die Analyse individueller Verläufe der Sportpartizipation zu rekonstruieren. Theoretische Bezugspunkte Auf der Grundlage der Lebensverlaufsforschung nach Mayer (1990) wird ein theo-retisch-methodischer Ansatz erarbeitet, der durch die Analyse der gesamten Le-bensspanne die Untersuchung lebenszeitlicher Abhängigkeiten des Sportengage-ments unter Berücksichtigung der historischen Zeit ermöglicht. Individuelle Lebens-verläufe werden als Karrieren im Sinne der Abfolge von Aktivitäten und Ereignissen in verschiedenen Lebensbereichen verstanden. In diesem Sinne konstituieren die im Lebensverlauf sich verändernden Sportengagements die Sportkarriere. Dabei ist die historische Zeit zu berücksichtigen. Alterskohorten, die ihre Kindheit und Ju-gend während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg erlebten, werden durch den erschwerten Zugang zum Sport in dieser Lebensphase wahrscheinlich ein geringe-res Sportengagement aufweisen. Es ist jedoch anzunehmen, dass auch bei diesen Alterskohorten die Sportbeteiligung in den vergangenen drei Jahrzehnten aufgrund des zunehmenden Gesundheitsbewusstseins und des veränderten Altersbilds an-gestiegen ist. Es ist anzunehmen, dass sich der Verlauf der Sportpartizipation von verschiedenen Alterskohorten unterscheidet. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts war ein aus heutiger Sicht enges Sportverständnis vorherrschend und sowohl Mäd-chen als auch junge Frauen waren vergleichsweise weniger häufig sportaktiv. In den vergangenen Jahrzehnten ist vor allem die Sportbeteiligung der Frauen stetig angestiegen, so dass heute die Sportbeteiligung bei Frauen im mittleren Erwachse-nenalter ungefähr derjenigen der gleichaltrigen Männern entspricht (Breuer, 2003, Klein, 2009). In Deutschland ist darüber hinaus noch die besondere Situation ge-geben, dass es bis zur Wiedervereinigung 1990 zwei verschiedene Sportsysteme gab, welche die individuellen Sportkarrieren spezifisch beeinflussten. Aufgrund der vorwiegenden Förderung des Leistungssports in Ostdeutschland, ist zu erwarten, dass die Sportbeteiligung hier bis zur Wiedervereinigung geringer war und sie sich erst nach der Transformation allmählich an das westdeutsche Niveau angeglichen hat. Aber nicht nur die Sportbeteiligung an sich, sondern auch die Ausgestaltung des Sportengagements hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Die zuneh-mende Bedeutung von kommerziellen Sportanbietern und die geringere Teilnahme am Wettkampfsport in den vergangenen drei Jahrzehnten können ebenfalls mit dem gesellschaftlichen Wertewandel begründet werden. Methoden Im Jahr 2008 wurden in einer retrospektiven Längsschnittstudie insgesamt 1739 Personen ab dem 50. Lebensjahr (Geburtsjahrgänge 1929 bis 1958) in Chemnitz (n=881; Zufallsstichprobe) und Braunschweig (n=858; Zufallsstichprobe) telefo-nisch zu ihrem Sportengagement im gesamten Lebensverlauf befragt. Retrospektiv erhobene Daten müssen sich immer dem methodischen Problem der mangelnden Erinnerungsfähigkeit und der Tendenz zur biografischen Glättung der Befragten stellen. Aus diesem Grund orientiert sich der entwickelte Fragebogen eng am me-thodischen Vorgehen der Lebensverlaufsforschung (u.a. Brückner, 1990). Anstatt schwer erinnerbare subjektive Deutungen persönlicher Erlebnisse im Sportenga-gement wurden nur objektive Elemente des Sportengagements im Lebensverlauf erfasst. Ergebnisse Die Sportbeteiligung von älteren Menschen hat in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Dieser Anstieg ist vor allem bei den jüngeren Alterskohorten der 50- bis 59-Jährigen zu beobachten. Besonders stark ist die Zunahme seit den 1990er Jahren in Ostdeutschland, wodurch sich die Sportbeteiligungsquoten in beiden Teilen Deutschlands angeglichen haben. Weiterhin zeigt sich ein beson-ders starker Periodeneffekt bei Frauen. Der Anteil der Sportaktiven bei den Frauen ist bis in die 1990er Jahre geringer als bei den Männern. Sie wächst jedoch bei den untersuchten Kohorten rasch an und im vergangenen Jahrzehnt hat sie das Niveau der Männer erreicht. Anhand einer Ereignisanalyse kann aufgezeigt werden, dass bei sportlicher Inaktivität die Wahrscheinlichkeit eines sportlichen (Wieder)Einstiegs nach dem 40. Lebensjahr bei der ältesten Alterskohorte der 70- bis 79-Jährigen sig-nifikant geringer ist als bei den jüngeren Alterskohorten. Durch eine Kohorten-Sequenz-Analyse wird der Einfluss der Kohorte auf die Sportpartizipation ermittelt. Literaturangaben Mayer, K. U. (Hrsg.). (1990). Lebensverläufe und sozialer Wandel (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 31). Opladen: Westdeutscher Verlag. Breuer, C. (2003). Entwicklung und Stabilität sportlicher Aktivität im Lebensverlauf. Zur Rolle von Alters-, Perioden- und Kohorteneffekten. Sportwissenschaft, 33 (3), 263-279. Becker, S., Klein, T. & Schneider, S. (2006). Sportaktivität in Deutschland im 10-Jahres-Vergleich: Veränderungen und soziale Unterschiede. Deutsche Zeit-schrift für Sportmedizin, 57 (9), 226-232. Brückner, E. (1990). Die retrospektive Erhebung von Lebensverläufen. In K. U. Ma-yer (Hrsg.), Lebensverläufe und sozialer Wandel (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 31/1990, S. 374-403). Opladen: Westdeut-scher Verlag.

Item Type:

Conference or Workshop Item (Speech)

Division/Institute:

07 Faculty of Human Sciences > Institute of Sport Science (ISPW)
07 Faculty of Human Sciences > Institute of Sport Science (ISPW) > Sport Science III

UniBE Contributor:

Klostermann, Claudia

Subjects:

700 Arts > 790 Sports, games & entertainment

Submitter:

Claudia Klostermann

Date Deposited:

15 Mar 2018 12:32

Last Modified:

15 Mar 2018 12:32

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/109450

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