Medikamentenversuche an der Psychiatrischen Klinik Königsfelden 1950–1990

Germann, Urs (2020). Medikamentenversuche an der Psychiatrischen Klinik Königsfelden 1950–1990 Universität Bern, Institut für Medizingeschichte

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Der Bericht fasst die Ergebnisse der Pilotstudie über Medikamentenversuche an der Psychiatrischen Klinik Königsfelden von 1950–1990 zusammen, die das Institut für Medizingeschichte der Universität Bern im Auftrag des Regierungsrats des Kantons Aargau durchgeführt hat. Die Pilotstudie beruht auf einer beschränkten Quellengrundlage und ermöglicht eine erste Einschätzung. Die Studie bestätigt die Vermutung, dass in Königsfelden – wie in anderen psychiatrischen Kliniken der Schweiz – Versuche mit nicht zugelassenen Präparaten an Patientinnen und Patienten durchgeführt wurden. Es sind 31 Präparate nachgewiesen worden, die als Versuchsmedikamente bezeichnet werden können. Grösstenteils handelt es sich um Präparate, die zur Zeit der Verschreibung (noch) nicht zugelassen waren. Zwei Präparate gelangten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Einsatz. Die Medikamentenversuche erstreckten sich über den ganzen Untersuchungszeitraum. Besonders häufig kamen Medikamententests in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre vor. Der Anteil der Patientinnen und Patienten, die ein Versuchspräparat erhielten, dürfte sich im tieferen einstelligen Prozentbereich bewegt haben. Dieser Anteil ist mit demjenigen anderer Kliniken vergleichbar. Schätzungsweise wurden in Königsfelden mehrere Hundert Patientinnen und Patienten mit Medikamenten behandelt, die damals
nicht zugelassen waren. Behandlungen mit Psychopharmaka waren vielfach von Nebenwirkungen begleitet. Traten diese in massiver Form auf, wurden Versuchsbehandlungen in der Regel abgebrochen. Todesfälle in direkter Folge von Medikamententests sind nicht bekannt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass bestimmte Patientengruppen bezüglich Alter, sozialer Herkunft und Aufnahmestatus besonders häufig von Medikamentenversuchen betroffen waren. Betroffene von fürsorgerischen und medizinischen Zwangsmassnahmen waren zwar in Medikamentenversuche involviert, sie bildeten aber keine Gruppe, die gezielt dafür ausgewählt wurde. Klinische Studien fanden vereinzelt auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie statt. Vor den 1980er-Jahren gibt es keine schriftlichen Belege dafür, dass die Patientinnen und Patienten umfassend über klinische Versuche informiert wurden und die Möglichkeit hatten, ihr Einverständnis zu geben oder eine Behandlung abzulehnen. Wie an anderen Kliniken fanden die Medikamentenversuche in Königsfelden in einem rechtlichen
Graubereich statt. Erst ab den 1970er-Jahren erfolgte eine zunehmende Regulierung. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass die Versuche aus damaliger Sicht unproblematisch waren. Vielmehr stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Institutionen hatten, um ihre Rechte und ihre Selbstbestimmung tatsächlich wahrzunehmen. Dass in Königsfelden nicht zugelassene Medikamente getestet wurden, war weder innerhalb der Fachöffentlichkeit noch in Verwaltung und Politik ein Geheimnis. Gleichzeitig zeigt sich, dass die kantonalen Instanzen ihre Kontrollaufgaben in medizinischen Belangen zumindest bis in die 1980er- Jahre äusserst locker und oberflächlich interpretierten, der Klinikleitung grösstmögliche Autonomie zugestanden und im Gegenzug auf deren Kompetenz vertrauten. Die Pilotstudie formuliert drei Empfehlungen. Sie empfiehlt, die Archivsituation bezüglich der historischen Unterlagen der Psychiatrischen Klinik Königsfelden zu verbessern, die Forschungsanstrengungen im Zusammenhang mit Medikamentenversuchen in der Psychiatrie gesamtschweizerisch zu bündeln und einzelne Aspekte zum Kanton Aargau in weiterführenden Projekten vertieft zu untersuchen.

Item Type:

Report (Report)

Division/Institute:

04 Faculty of Medicine > Pre-clinic Human Medicine > Institute for the History of Medicine

UniBE Contributor:

Germann, Urs Philipp

Subjects:

600 Technology > 610 Medicine & health

Publisher:

Universität Bern, Institut für Medizingeschichte

Language:

German

Submitter:

Barbara Järmann-Bangerter

Date Deposited:

12 Jan 2021 12:31

Last Modified:

12 Jan 2021 12:31

BORIS DOI:

10.48350/151192

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/151192

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