Nuklearer Internationalismus in der Sowjetunion: Geteiltes Wissen in einer geteilten Welt 1945–1973

Lüscher, Fabian (2021). Nuklearer Internationalismus in der Sowjetunion: Geteiltes Wissen in einer geteilten Welt 1945–1973. Osteuropa in Geschichte und Gegenwart: Vol. 8. Wien: Böhlau https://doi.org/10.7788/9783412521240

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Die Geschichte des Nuklearzeitalters lässt sich aus vielen verschiedenen Perspektiven analysieren. Nebst den vieldiskutierten Fragen nach Isolation und Geheimhaltung verdienen Prozesse der grenzüberschreitenden Verflechtung mehr Aufmerksamkeit.

Die Dissertation verdeutlicht die Vorteile einer integrierenden Nukleargeschichte, die keine scharfe Trennlinie zwischen militärischer und ziviler Kernenergienutzung zieht. Historisch gehörten die beiden Bereiche untrennbar zusammen, was sich nicht nur an den Karrieren der wissenschaftlichen Elite, sondern auch an der Wahrnehmung der amerikanischen Atoms for Peace-Kampagne nachweisen lässt. Die Idee, dass sich militärische und zivile Kernenergienutzung kategorisch trennen liesse, entfaltete dennoch grosse Wirkmacht und wurde in der geschichtswissenschaftlichen Literatur mehrheitlich übernommen. Gegen diese Zweiteilung und für eine integrierende Nukleargeschichte der Sowjetunion sprechen unter anderem folgende Gründe: Erstens hielten sowjetische Experten früh fest, dass aus ihrer Sicht jede Verbreitung sogenannt ziviler Nukleartechnologie das Proliferationsrisiko erhöhe. Diese Expertenmeinung wurde in der Sowjetunion politikprägend. Zweitens entwickelten sich Karrieren der sowjetischen wissenschaftlich-technischen Elite nie ausschliesslich in einem zivilen oder militärischen Setting. Drittens entsprangen alle in der Studie näher untersuchten Kernenergieprojekte ursprünglich militärischen Erwägungen.

Aussenpolitisch ist der Ost-West-Konflikt der dominierende aber nicht der einzige Kontext der vorliegenden Studie. Das sowjetische Atomprogramm entwickelte sich von Anfang an parallel zu internationalen Beziehungen, die sich rasch wandelten und flexible Reaktionen erforderten. Sowohl nukleare Rüstung als auch Wissens- und Technologietransfers in sogenannt nichtmilitärische Anwendungsbereiche wurden als notwendige Schritte in einer entstehenden Systemkonkurrenz legitimiert. Trotz rasch verhärteten Fronten zwischen Ost und West bestanden aber selbst während der Frühphase des nuklearen Wettrüstens bereits Austauschkanäle über den sogenannten Eisernen Vorhang hinweg.

Der «Urknall» des Nuklearzeitalters fiel zeitlich praktisch mit der Gründung der UNO zusammen, auf deren Agenda Kernenergiefragen folglich ganz oben standen. Gleichzeitig etablierten sich zunächst UNO-Gremien und später die IAEA als zentrale (wissenschafts-)diplomatische Institutionen für Kernenergiefragen. Für die sowjetische Nukleargeschichte ist dies insofern bedeutend, als dass die Kernenergiepolitik der KPdSU stets eng mit der sowjetischen Politik in der UNO verbunden war. So ist die Geschichte der Kernenergienutzung in der Sowjetunion im Lichte verschiedener aussenpolitischer Leitthemen zu lesen. Im Untersuchungszeitraum gehören – nebst der sowjetisch-amerikanischen Systemkonkurrenz – etwa das spannungsvolle und wechselhafte Verhältnis zur Volksrepublik China oder Reaktionen auf die Dekolonisierungswellen im globalen Süden zu den Triebkräften einer internationalistischen Nuklearpolitik. Diese wirkten teilweise bis in konkrete Technologieentscheidungen hinein. Sowohl das Versprechen bedingungsloser nuklearer Entwicklungshilfe als auch die Kehrtwende der sowjetischen Nonproliferationspolitik 1963/64 sind nicht als Produkte eines bipolaren Ost-West-Konflikts, sondern als Entwicklungen einer wesentlich komplexeren, multidirektionalen Aussenpolitik zu verstehen.

Konkret argumentiert die Dissertation, dass sich sowjetisches Kernenergiewissen dann über Grenzen hinwegbewegte, wenn es aus einer Perspektive der internationalen Beziehungen opportun und/oder aus einer technischen Perspektive notwendig schien. Die beiden Faktoren wurden unterschiedlich kombiniert, wobei insbesondere naturwissenschaftliche Kader erhebliche agency entfalten konnten. Die Studie schafft Evidenz dafür, dass die Internationalisierung sowjetischen Kernenergiewissens nur multikausal zu erklären ist: Einerseits spielte ein internationalistisches politisches Programm eine wichtige Rolle, dessen konkrete Ausgestaltung sich während des Untersuchungszeitraums veränderte. Andererseits erweckte das Potential nuklearer Technologien im ersten Nachkriegsjahrzehnt den Eindruck, dass sowohl dessen Risiken als auch die damit verbundenen Chancen als grundsätzlich global zu verstehen seien und deshalb zwingend Gegenstand internationaler Aushandlungen sein sollten. Neben der offensichtlich grenzüberschreitenden Bedrohung durch nuklearen Fallout nach Kernwaffentests einigte sich der Kernenergie-Expertenrat des UNO-Generalsekretärs früh darauf, die in der Dissertation als Fallbeispiele diskutierten Wissensbereiche rund um Kernfusion, Reaktorantriebssysteme und Verarbeitung radioaktiver Abfälle zu genuin internationalen Themen zu erklären. Anhand dieser drei Schwerpunkte kann aufgezeigt werden, wie die beiden Faktorenbündel – also eine internationalistische politische Agenda und die zur technischen Notwendigkeit stilisierte Aushandlung ausgewählter Kernenergiethemen – miteinander in Dialog gebracht wurden.

In der Dissertation stehen schliesslich sowohl institutionelle als auch individuelle Akteure im Fokus. Nebst konkreten Modi der internationalen Verflechtung lassen sich so existierende Narrative zur wissenschaftlich-technischen Intelligenz nuancieren. Dass gerade ihre Exponentinnen und Exponenten in den ersten Nachkriegsjahrzehnten zu besonderen Privilegien und hohem Ansehen kamen, hat zahlreiche Gründe: Oft wird darauf verwiesen, dass Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler über Wissen, Möglichkeiten und Verbindungen verfügten, die anderen Intellektuellen in der Sowjetunion verwehrt blieben. Aus diesem aussergewöhnlichen Status leitete etwa der Historiker David Holloway seine einflussreiche These ab, wonach die Keimzelle einer kritischen Zivilgesellschaft im Verantwortungsbewusstsein, der intellektuellen Freiheit und nicht zuletzt im internationalen Austausch zu verorten sei, wozu führende Wissenschaftler – nicht zuletzt wegen der militärischen Relevanz ihrer Arbeit – privilegierten Zugang genossen hätten. Ohne eine weitere Dissidentengeschichte zu entwerfen, setzt sich die Dissertation mit dem Zusammenhang zwischen dem Selbstverständnis naturwissenschaftlich gebildeter Eliten und politischen Reformideen auseinander. Der Fokus auf einzelne Akteure vermittelt dabei ein differenziertes Bild der sowjetischen Kernenergieelite, deren Angehörige ein breites politisches Spektrum abdeckten und sich unmöglich in einer einzigen Kategorie fassen lassen. Weiter zeigt die Studie, dass sich verschiedene Loyalitäten durchaus überlappen konnten und historisch starkem Wandel unterlagen. Gerade an aufsehenerregenden Kernenergieprojekten wie dem Eisbrecher «Lenin», dem Reaktor-Wandler «Romaška» oder dem Tokamak lässt sich zudem aufzeigen, dass die Einbindung sowjetischer Spitzenwissenschaftler(innen) in internationale Diskussionszusammenhänge durchaus systemstabilisierend wirken konnte. Diese Feststellung wirft zwar Holloways These nicht um, vermittelt aber ein facettenreicheres Bild der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik in der Sowjetunion. Damit einher geht die Beobachtung, dass sich Wissenschaft und Politik zu keinem Zeitpunkt klar voneinander abgrenzen liessen. Vielmehr spielten beteiligte Akteure genau mit der Unschärfe dazwischen und erweiterten ihre agency durch die beständige (Neu-)Aushandlung dieser nur scheinbar existierenden Trennlinie zwischen zwei gesellschaftlichen Sphären.

Obwohl die vorliegende Studie aufgrund der teilweise schwierigen Aktenlage keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, macht sie doch eines deutlich: Die Geschichte des nuklearen Internationalismus in der Sowjetunion ist eine Geschichte mit Zukunft. Projekte und Probleme, die im Untersuchungszeitraum entstanden, setzen sich bis in die Gegenwart fort und werden uns in vielerlei Hinsicht noch lange beschäftigen.

Item Type:

Book (Monograph)

Division/Institute:

06 Faculty of Humanities > Department of History and Archaeology > Institute of History > Modern and Contemporary History

UniBE Contributor:

Lüscher, Fabian

Subjects:

900 History

ISSN:

2748-730X

ISBN:

978-3-412-52124-0

Series:

Osteuropa in Geschichte und Gegenwart

Publisher:

Böhlau

Language:

German

Submitter:

Igor Peter Hammer

Date Deposited:

24 Aug 2021 09:17

Last Modified:

24 Aug 2021 09:23

Publisher DOI:

https://doi.org/10.7788/9783412521240

Additional Information:

Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern, angenommen am 20.03.2020

BORIS DOI:

10.48350/158973

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/158973

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