Eine Begriffserklärung von kritischen Situationen im Fussball

Schumacher Dimech, Anne Marie; Brechbühl, Alain; Seiler, Roland (6 June 2016). Eine Begriffserklärung von kritischen Situationen im Fussball. In: Symposium Dynamik der Gewalt bei Sportveranstaltungen. Bern. 06.06.2016.

Fangewalt im Fussball hat seit seiner Zunahme in den 1960er Jahren grosse Aufmerksamkeit in der Forschung und Politik gewonnen. Mehrere Studien haben Faktoren, die zu einer möglichen Eskalation der Gewalt führen, untersucht, aber nur wenige existieren über Situationen, die nicht eskalieren (z.B. Braun & Vliegenthart, 2008). Von besonderem Interesse sind Situationen, die eine angespannte Atmosphäre zusammen mit einem höheren Risiko von Gewalt aufzeigen. Allerdings fehlt eine Definition solcher kritischen Situationen (KS) und beobachtbare Kriterien, die solche Situationen beschrieben, wurden noch nicht identifiziert. Diese Präsentation fokussiert auf Situationen mit dem Ende in einer potentiellen Eskalation. Ziel dieser Präsentation ist beobachtbaren Kriterien zu erfassen, die die Identifikation einer KS vor Ort ermöglichen. Zudem wird auf Ultra Fans fokussiert. Ultra Fans spielen eine wichtige Rolle in der Fankultur, da sie ihre eigene Kultur im Stadion erschaffe, etwa durch ihre eigenen Regeln, Rituale und dem Festlegen eines eigenen Territoriums (Pilz & Wölki-Schumacher, 2010). Ziel dieser Vorstudie war beobachtbare Kriterien festzulegen, um KS im Fussball identifizieren zu können. Somit würden diese Kriterien als Begriffserklärung dienen, die bei weiteren Untersuchungen angewendet und auch als Kriterienkatalog für die Identifikation in situ von KS umgesetzt werden kann. Die Daten wurden anhand einer Experten Fokusgruppe zusammen mit Einzelinterviews erhoben. Die Fokusgruppe bestand aus fünf Experten, die mit Fussballfans im deutschsprachigen Raum der Schweiz arbeiten. In einer zweiten Phase wurden Personen, die bei einer potentiellen KS beteiligt waren, zu diesen Situationen befragt. Eine induktive Inhaltsanalyse nach Mayring (2008) führte zur Identifizierung von spezifischen Kriterien, die eine KS beschreiben. Diese Kriterien wurden in vier Phasen einer KS eingeordnet, um den dynamischen und zeitlichen Aspekt dieses Phänomens hervorzuheben: Antezedenzien, Auslöser, Reaktionen, Konsequenzen. Nach der Analyse der erhobenen Daten war es klar, dass die Faktoren, die bei der Entstehung und Entwicklung einer kritischen Situation eine Rolle spielen, auch vor dem Spieltag selbst zu beobachten sind (Antezedenzien). Zudem treten KS nicht unbedingt während des Fussballspiels auf, sondern auch in zeitlicher Nähe der Veranstaltung, beispielsweise auf dem Weg zum oder vom Stadion. Antezedenzien und Auslöser einer KS wurden in einem weiteren Schritt als Risikofaktoren definiert. Diese Risikofaktoren, wie zum Beispiel eine dokumentierte Geschichte der Rivalität zwischen Fan-Gruppen (Antezedenz), oder die Verhaftung eines Fans (Auslöser), treten vor dem Auftreten einer KS auf. Die Themen, die als Reaktionen und Konsequenzen eingeordnet wurden, wurden hingegen als Warnzeichen definiert. Sie sind tatsächlich Anzeichen dafür, dass aktuell eine KS im Gang ist. Ein Beispiel wäre wenn die Fans sich vermummen (Reaktion) oder die Fanarbeiter Informationen holen von den Fans (Konsequenz). Diese Befunde geben einen Einblick in das Fanverhalten in der Deutschschweiz und bieten ein Katalog von beobachtbaren Kriterien, die in situ verwendet werden können. Diese klare Begriffserklärung einer KS im Fussball erbringt eine Basis für weitere Studien mit grösseren Stichproben und ermöglicht eine bessere Reliabilität/Zuverlässigkeit bei der Identifikation von KS im Fussball. Dieser Vortrag stellt diese Begriffserklärung einer KS im Fussball vor, die sowohl im Bereich der Gewaltprävention als auch in der Kontrolle für weitere Forschungsvorhaben verwendet werden kann. Quellen Balke, G. (2007). Rituals, self-portrayed and collective orientation: contours of the lifeworld reality of soccer fans. Sport und Gesellschaft – Sport and Society, 4(1), 3-28. Braun, R. & Vliegenthart, R. (2008). The contentious fans: the impact of repression, media coverage, grievances and aggressive play on supporters‘ violence. International Sociology, 23, 796-818. doi: 10.1177/0268580908095909. Drury, J., & Reicher, S. (2000). Collective action and psychological change: The emergence of new social identities. British Journal of Social Psychology, 39, 579-604. Dunning, E. (2000). Towards a sociological understanding of football hooliganism as a world phenomenon. European Journal on Criminal Policy and Research, 8, 141-162. Havelund, J., Joern, L., & Rasmussen, K. (2012). Danish ultras: Risk or non-risk? Sport & EU Review, 4, 5-17. Hylander, I., & Guvå, G. (2010). Misunderstanding of out-group behaviour: Different interpretations of the same crowd events among police officers and demonstrators. Nordic Psychology, 62, 25-47. doi:10.1027/1901-2276/a000020. Mayring, P. (2008).Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (10. Auflage) -[Qualitative content analysis: foundations and techniques (10th ed.)]. Weinheim and Basel: Beltz. Pilz, G. A., & Wölki-Schumacher, F. (2010). International conference on ultras: Good practices in dealing with new developments in supporters‘ behaviour. Overview of the ultra culture phenomenon in the Council of Europe member states in 2009. Council of Europe. Roversi, A., & Balestri, C. (2000). Italian Ultras today: change or decline? European Journal on Criminal Policy and Research, 8, 183-199.

Item Type:

Conference or Workshop Item (Abstract)

Division/Institute:

07 Faculty of Human Sciences > Institute of Sport Science (ISPW)
07 Faculty of Human Sciences > Institute of Sport Science (ISPW) > Sport Science II

UniBE Contributor:

Schumacher Dimech, Anne Marie; Brechbühl, Alain and Seiler, Roland

Subjects:

700 Arts > 790 Sports, games & entertainment
600 Technology > 610 Medicine & health
100 Philosophy > 150 Psychology

Submitter:

Roland Seiler

Date Deposited:

21 Feb 2017 09:20

Last Modified:

21 Feb 2017 09:20

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/96024

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