Eskalation versus Nicht-Eskalation von Fangewalt? Resultate einer Studie aus dem Schweizer Fussball

Brechbühl, Alain; Schumacher Dimech, Anne Marie; Seiler, Roland (6 June 2016). Eskalation versus Nicht-Eskalation von Fangewalt? Resultate einer Studie aus dem Schweizer Fussball. In: Symposium Dynamik der Gewalt bei Sportveranstaltungen. Bern. 06.06.2016.

Fangewalt ist in der Schweiz ein aktuelles Thema, wie etwa politische Vorstösse wie das Hooligankonkordat oder Debatten um hohe Sicherheitskosten (Mensch & Maurer, 2014) verdeutlichen. In der Schweiz wird von der Polizei die Wichtigkeit der Ultras hervorgehoben bei der Auslösung von gewalttätigen Ausschreitungen (Bundesamt für Polizei fedpol, 2014). Ultras messen dem Spiel und dem unterstützten Verein eine hohe Wichtigkeit bei. Im Stadion fallen sie durch Choreographien, Chöre und Flaggen auf (Havelund, Joern & Rasmussen, 2012). Zur Unterstützung der eigenen Mannschaft werden auch pyrotechnische Gegenstände verwendet. Beim Forschungsstand über Ursachen für gewalttätiges Verhalten von Fans muss auf ausländische Studien zurückgegriffen werden. Aktuelle Studien aus dem Ausland betonen die Interaktionen der involvierten Gruppen (bspw. Fans und Polizei) als Ursache von Fangewalt. Ein Beispiel dafür ist das Elaborated Social Identity Model (ESIM) (Reicher, 1996). Das ESIM sagt aus, dass jegliche Handlungen der gegenüberstehenden Gruppe stets interpretiert und bewertet werden. Werden etwa Handlungen der Polizei von den Fans als illegitim wahrgenommen, kann dies zu einer Vereinigung von friedlichen und gewaltbereiten Fans führen, so dass plötzlich der Grossteil der Fans ein gewalttätiges Handeln der Fans als gerechtfertigt empfindet (Stott, Hutchison & Drury, 2001). Dies wurde im Rahmen mehrerer Studien bei internationalen Turnieren (z.B. EM 2004; siehe Stott, Adang, Livingston, & Schreiber, 2007) bestätigt. Die Resultate dieser Studien weisen darauf hin, dass auch die Polizei mit ihrem Verhalten massgeblich zur Entwicklung von Ausschreitungen beitragen kann. Als Fazit hielten die Autoren fest, dass eine zurückhaltende Polizeitaktik (Ordnungsdienst-Einheiten im Hintergrund, Einsatz von Dialogteams) massgeblich zur Wahrnehmung von Legitimität auf Seite der Fans beitragen kann. Dies kann zu einer Reduktion von Ausschreitungen zwischen Fans und Polizei führen. Auch Stott, Hoggett, und Pearson (2012) stellten ähnliche Effekte fest bei Ihrer Untersuchung beim Cardiff City Football Club. Sie stellten auch eine höhere Bereitschaft der Fans fest heikle Situationen selbst zu regulieren.
Basierend auf diesen vorliegenden Resultaten sind die Wahrnehmungen und Interpretationen der involvierten Personen essentiell für ein besseres Verständnis von Fangewalt. Bisher wurden jedoch die meisten Studien im Rahmen von Spielen der Nationalmannschaften durchgeführt. Studien im Klubfussball in Zentraleuropa und mit Ultra Fans fehlen gänzlich. Die vorliegende Studie beschäftigt sich deshalb mit den Wahrnehmungen von in kritische Situationen mit Ultras involvierten Personen im Schweizer Klubfussball. Eine kritische Situation (KS) ist eine Situation, in welcher ein Interessenskonflikt zwischen zwei gegenüberstehende Gruppen (z.B. Fans & Polizei / Sicherheitsdienst) besteht und unklar ist, ob die Situation in einer Eskalation endet oder nicht. Konkret wurde den Fragen nachgegangen (1) wie die involvierten Fans, Fanarbeiter, Polizisten und Security-Angestellte eine kritische Situation wahrnahmen und (2) wie sich die KS mit Eskalation von solchen ohne Eskalation unterscheiden.
In der Saison 2012/2013 wurden total acht kritische Situationen bei Spielen zweier Teams der Raiffeisen Super League gesammelt, in welchen ein möglicher Ausgang in einer Eskalation denkbar war. Bei vier Situationen endete die Situation in Gewalt. Es wurden total 59 Interviews mit 35 verschiedenen Personen durchgeführt, darunter Fussballfans, Polizisten und Sicherheitspersonal, um genauere Erkenntnisse über die kritischen Situationen zu erheben. Die Teilnehmer wurden gebeten ihre eigenen Wahrnehmungen der Situation zu erzählen. Weiterführende Fragen behandelten den Verlauf der KS, Bewertungen, Gefühle und die Rechtfertigung des eigenen Verhaltens. Die Interviews wurden induktiv mit der Interpretativ Phänomenologischen Analyse (Smith, Flowers, & Larkin, 2009) ausgewertet.
Die interviewten Personen zeigten häufig gruppenspezifische Wahrnehmungen. Die Fans etwa hatten klare Vorstellungen bezüglich ihres eigenen Raums. Entsprechend dieser Vorstellungen wurde die Distanz zu der gegenüberstehenden Gruppe in zwei Fällen als ungenügend betrachtet, wohingegen die Polizei bzw. die Security Angestellten diese als genügend bewerteten. Die fehlende Distanz wurde von den Fans in der Folge als aggressives oder provokatives Handeln bewertet. Die Bewertungen der gegenüberstehenden Gruppe wurden jeweils mit Beispielen aus der Vergangenheit belegt. Bei als negativ bewertetem Verhalten der Polizei etwa wurden von den Fans Erlebnisse aus der Vergangenheit berichtet, so etwa Verhaftungen von Fans. Manche Fans, Polizisten und Security Angestellte neigten ebenso zur negativen Stereotypisierung der gegenüberstehenden Gruppe. Beispielsweise beschrieben mehrere Polizei und Security Angestellte die Fussballfans als gewaltsuchend und provokativ. Drei Fussballfans beschrieben die Polizei und Security Angestellten als ihr Feindbild. Auch das Äussere der gegenüberstehenden Gruppe floss in die Bewertung der Situation mit ein. Die Fans identifizierten die Ordnungsdienst-Montur (bestehend aus Körperpanzerung, Helm, Schild, etc.) als provokativ, wohingegen Polizei und Security Angestellte die Vermummung und Handschuhe der Fans als Symbol für Gewalt bezeichneten.
Insbesondere die Fans bewerteten die Handlungen der gegenüberstehenden Gruppe kritisch indem sie diese als legitim oder illegitim bezeichneten. Bei der Wahrnehmung von illegitimem Verhalten der gegenüberstehenden Gruppe wurden Bemühungen zur Selbstregulierung der KS reduziert. Stattdessen wurde Verständnis für die Selbstverteidigung der aggressiven Fans gezeigt. Für diese Bewertungen scheint insbesondere die vorherrschende Fankultur von Relevanz.
Kritische Situationen blieben am ehesten friedlich, wenn ein informativer Dialog zwischen den Gruppen stattfand, der über die Ziele der aktuellen Handlungen sowie über zukünftige Handlungen der beiden Gruppen informierte. Auch der Verzicht auf provokative Elemente wirkte sich im Rahmen der acht KS positiv auf den Verlauf aus. Im Gegensatz führte die Verhaftung eines Fans aufgrund von pyrotechnischem Material zu einer Eskalation. Fans wie auch Polizei und Security Angestellte waren sich einig, dass in einem solchen Fall eine Eskalation sehr wahrscheinlich ist. Auch hier scheint die vorherrschende Fankultur zentral: Die interviewten Fans massen der Verwendung von Pyros eine Hohe Wichtigkeit bei. Ein weiteres entscheidendes Merkmal der Fankultur war der Wille einiger Fans sich in der Rivalität mit anderen Gruppen stets als mächtig zu präsentieren. Dies zeigte sich insbesondere in der Rivalität mit gegnerischen Fangruppen. Provokationen zwischen den Fangruppen führten im Rahmen der acht KS auch zu einer Eskalation.
Die vorliegenden Resultate sprechen dafür, dass das Verhalten der gegenüberstehenden Gruppe stets kritisch bewertet wird. Bedrohungen gegen die eigene Gruppe werden dabei abgeschätzt, etwa durch die Präsenz von provokativen Symbolen wie Vermummung oder von Ordnungsdienst-Ausrüstung. Das Wahrnehmen von legitimem oder illegitimem Handeln der gegenüberstehenden Gruppe scheint in diesem Kontext eine grosse Bedeutung zu haben. Anhand der vorherrschenden Fankultur als illegitim bewertete Handlungen der Polizei oder Security können so zu einer Verschärfung der Situation beitragen. Dies stimmt mit den Kernaussagen des ESIM (Reicher, 1996). Auch die Wirkung von provokativen Symbolen wie der Ordnungsdienst-Ausrüstung erhält durch die vorliegende Studie weitere Unterstützung (siehe auch siehe Stott, Adang, Livingston, & Schreiber, 2007). Die Resultate geben ebenso einen guten Einblick in (Fangewalt-) relevante Punkte von Ultras. Speziell hervorzuheben ist hier sicherlich die grosse Wichtigkeit von Pyros. Verhaftungen von Fans mit dieser Ursache führen laut den interviewten Personen immer zu einer Eskalation. Auch Machtspiele von einigen Fans scheinen für den Verlauf einer KS von Bedeutung. Im Rahmen dieser Studie war der Dialog zwischen den involvierten Gruppen von entscheidender Bedeutung um eine gewaltfreie Lösung einer KS zu erreichen. Dies wurde auch in anderen Studien bereits hervorgehoben (z.B. Stott, Hoggett, & Pearson, 2012)
Quellen
Bundesamt für Polizei fedpol (2014). Jahresbericht 2013: Lage, Massnahmen und Mittel. Zugriff online am 11.05.2016 unter http://www.fedpol.admin.ch/content/dam/data/sicherheit/jb/jabe-2013-d.pdf.
Drury, J., & Reicher, S. (2000). Collective action and psychological change: The emergence of new social identities. British Journal of Social Psychology, 39, 579-604.
Havelund, J., Joern, L., & Rasmussen, K. (2012). Danish ultras: risk or non-risk? Sport & EU Review, 4 (1), 5-17.
Mensch, C. & Maurer, A. (2014, 23. August). Was der FCB die Polizei kostet. Schweiz am Sonntag, Zugriff am 11.05.2016 unter http://www.schweizamsonntag.ch/ressort/basel/was_der_fcb_die_polizei_kostet/
Reicher, S. D. (1996).’The Battle of Westminster’: developing the social identity model of crowd behaviour in order to explain the initiation and development of collective conflict. European Journal of Social Psychology, 26, 115–134.
Smith, J. A., Flowers, P., & Larkin, M. (2009). Interpretative phenomenological analysis: theory, method and research. London: Sage.
Stott, C., Hutchison, P., & Drury, J. (2001). ‘Hooligans’ abroad? Inter-group dynamics, social identity and participation in collective ‘disorder’ at the 1998 World Cup Finals. British Journal of Social Psychology, 40, 359-384.
Stott, C., Hoggett, J., & Pearson, G. (2012). Keeping the peace: Social identity, procedural justice and the policing of football crowds. The British Journal of Criminology, 52, 381-399.

Item Type:

Conference or Workshop Item (Abstract)

Division/Institute:

07 Faculty of Human Sciences > Institute of Sport Science (ISPW)
07 Faculty of Human Sciences > Institute of Sport Science (ISPW) > Sport Science II [discontinued]

UniBE Contributor:

Brechbühl, Alain; Schumacher Dimech, Anne Marie and Seiler, Roland

Subjects:

700 Arts > 790 Sports, games & entertainment
100 Philosophy > 150 Psychology

Language:

German

Submitter:

Roland Seiler

Date Deposited:

21 Feb 2017 09:28

Last Modified:

21 Feb 2017 09:28

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/96025

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