Berührt sein – Ein Fallbericht zur Rolle von WATSU (WasserShiatsu) in der Rehabilitation nach Polytrauma

Schitter, Agnes Maria; Fleckenstein, Johannes (26 January 2017). Berührt sein – Ein Fallbericht zur Rolle von WATSU (WasserShiatsu) in der Rehabilitation nach Polytrauma (Unpublished). In: 1. Interdisziplinäre Fachtagung für psychiatrische, psychotherapeutische und psychosomatische Therapie und Pflege. Universitäre Psychiatrische Dienste UPD, Bern, Switzerland. 26.01.2017.

[img]
Preview
Text
Schitter_Fleckenstein_Affekte_2017_watsu_trauma_accident.pdf - Other
Available under License BORIS Standard License.
not published

Download (1MB) | Preview

Hintergrund: Die herausragende Bedeutung von Körperkontakt für den Menschen ist bekannt und nachgewiesen. Während aber intensiver Körperkontakt in der medizinischen Versorgung von Frühgeborenen etabliert ist, wird Berührung in schulmedizinische Therapiekonzepte für Erwachsene bisher nur marginal integriert. Massnahmen aus der Komplementärmedizin berücksichtigen den individuellen Bedarf an körperlicher Nähe und leisten einen klinischen Mehrwert für den Gesundungsprozess. In besonderer Weise nimmt sich WATSU (WasserShiatsu) achtsamer Berührung an: Während der Behandlung ruht die PatientIn eine Stunde lang auf Händen, Armen oder Schultern ihrer TherapeutIn und wird in grossräumigen, langsamen Kreisbewegungen in 35° C warmem Wasser bewegt, gedehnt und massiert. Die Arbeitsweise vermittelt Geborgenheit und Nähe, habituelle Haltemuster können gelöst und neue Bewegungsoptionen aufgezeigt werden. In der wissenschaftlichen Literatur werden WATSU u.a. die Reduktion von muskulären Verspannungen, Schmerzen und Stress zugeordnet. Methoden: An einem Fallbeispiel wird WATSU als Therapiebaustein in der Rehabilitation nach einem Polytrauma dargestellt. Eine 52-jährige Frau erlitt bei einem Motorradunfall schwerste Verletzungen (Rippenserienfrakturen, Einblutung in den Lungenflügel, Beckenringfraktur, Trümmerfraktur des Oberschenkelknochens). Die Patientin litt unter Schmerzen und Bewegungseinschränkungen, aber auch verminderter psychischer Belastbarkeit (Schreckhaftigkeit, Albträume). Auf eigenen Wunsch ergänzte sie ihre ambulante Rehabilitation um sechs WATSU-Sitzungen (1x pro Woche). Sie führte während dieser Zeit ein Tagebuch über ihre Therapieerfahrung, welches sie später zur wissenschaftlichen Auswertung zur Verfügung stellte. Diese erfolgte nach dem Triangulationsmodell nach Mayring. Resultate: Die Tagebucheinträge der Patientin umfassen emotionale, mentale und körperliche Inhalte. Bemerkungen ohne Bezug zu WATSU reflektieren in erster Linie Erfahrungen im Zusammenhang mit therapeutischen und medizinischen Interventionen, zu einem geringen Anteil aber auch körperliche Aktivitäten in der Freizeit. Im Zusammenhang mit WATSU schildert sie u.a. wie dieses zu erhöhter Selbstakzeptanz und zur Korrektur ihres Körperschemas beitrug. Sie beschreibt Veränderungen der Wahrnehmung, häufig verbunden mit starken Emotionen: «Ich spürte Bewegungen, die in den letzten drei Monaten überhaupt nicht mehr möglich waren. Es waren «fremde Bewegungen», […] über deren Intensität ich erstaunt war.», «[Während WATSU] habe ich schmerzlich festgestellt, dass ich nur in meinem Unfallbein existiere, alles dreht sich nur um das. […] Aber ich habe auch noch einen rechten Arm, einen Kopf, mein linkes Superbein leistet extrem viel! … Irgendwann liefen die Tränen, erst lautlos, dann hemmungslos.» Rumpfmobilisation im WATSU stand für sie in direkter Verbindung zu vertiefter Atmung, beschriebene Reaktionen wie langanhaltendes Zittern des ganzen Körpers (beginnend beim betroffenen Bein) können als Stressabbau des autonomen Nervensystems gedeutet werden. Inhaltlich, aber auch in der Art der Beschreibung unterscheiden sich die WATSU-bezogenen Textteile deutlich von jenen, in denen es um andere therapeutische und medizinische Interventionen geht: etwa bleibt der Themenkreis «Mentale und emotionale Achtsamkeit» ausschliesslich den WATSU-bezogenen Schilderungen vorbehalten, während «Schmerz» in Zusammenhang mit dieser Therapie nie thematisiert wird. Schlussfolgerung: WATSU wurde von dieser Patientin als in ihrer komplexen rehabilitativen Situation sehr hilfreich dargestellt. Es habe ihre Aufmerksamkeit weg von Problemen und Missempfindungen hin zu positiven Gefühlen und erfreulichen Körpererfahrungen gelenkt. Dieser Falldarstellung ist nur ein Einzelbericht, weist aber darauf hin, dass WATSU eine Bereicherung des klinischen Settings darstellen könnte. Wünschenswert wäre die weitere wissenschaftliche Überprüfung von WATSU hinsichtlich differenzierter Indikationen und klinischer Effekte.

Item Type:

Conference or Workshop Item (Poster)

Division/Institute:

04 Faculty of Medicine > Medical Education > Institute of Complementary Medicine (ICOM)

UniBE Contributor:

Schitter, Agnes Maria and Fleckenstein, Johannes

Subjects:

600 Technology > 610 Medicine & health

Language:

German

Submitter:

Agnes Maria Schitter

Date Deposited:

22 Feb 2017 14:23

Last Modified:

22 Feb 2017 14:23

BORIS DOI:

10.7892/boris.94705

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/94705

Actions (login required)

Edit item Edit item
Provide Feedback