Lernen aus Fehlern im Schulpraktikum

Kaiser, Christine; Hascher, Tina (3 March 2014). Lernen aus Fehlern im Schulpraktikum (Unpublished). In: 2. Fachtagung der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF) - "Die Perspektiven verbinden". Frankfurt am Main, Deutschland. 03.03.-05.03.2014.

Lernen im Praktikum ist ein Themenbereich, der in den letzten Jahren zunehmend in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt ist. Die bisherigen empirischen Ergebnisse raten zur Bescheidenheit, da sie verdeutlichen, dass die Wirksamkeit von Praktika für die professionelle Entwicklung angehender Lehrpersonen tendenziell überschätzt wird (im Überblick siehe z. B. Hascher, 2012). Es ist daher von besonderer Bedeutung, Rahmensituationen und Faktoren zu identifizieren, in denen nachhaltiges Lernen stattfinden kann. Im Projekt soll deshalb das Konzept des Lernens aus Fehlern auf den Kontext des Lernens von Lehramtsstudierenden im Praktikum übertragen werden. Im Sinne der Theorie „negativen Wissens“ (Oser & Spychiger, 2005) wird davon ausgegangen, dass in Fehlersituationen erworbene Erkenntnisse über das Nicht-Funktionieren von Prozessen nachhaltig im Gedächtnis verankert sind. Ausgangsthese ist, dass das Wissen über fehlerhafte Unterrichtshandlungen dabei helfen kann, adaptive Alternativen für ähnliche unterrichtliche Situationen in der Zukunft zu entwickeln und dadurch die Qualität des Unterrichts zu erhöhen. Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Überlegungen stellen sich die Fragen, welche Fehler Praktikant/inn/en erkennen und inwiefern sie diese dazu nutzen, ihre professionellen Handlungskompetenzen zu erweitern – ob also in schulischen Praktika aus Fehlern gelernt wird. Darüber hinaus ist von Interesse, in welchen Dimensionen von Unterrichtsqualität (Helmke, 2010) das Lernen aus Fehlern gegebenenfalls besonders fruchtbar ist: Können Fehlerschwerpunkte im Rahmen schulischer Praktika ermittelt und deren Potential für den Lernprozess der Studierenden identifiziert werden? In der Untersuchung werden subjektiv relevante Misserfolgserlebnisse und damit verbundene Lernprozesse Studierender während schulischer Praktika genauer betrachtet. Dazu wurden bestehende Lerntagebücher von Lehramtsstudierenden (vgl. Hascher& Wepf, 2007) wie folgt reanalysiert: (1) In einem ersten Schritt wurden alle von den Praktikant/inn/en berichteten Lernsituationen daraufhin untersucht, ob es sich um eine Fehlersituation handelt. Eine solche liegt dann vor, wenn der Praktikantin / dem Praktikanten im Zuge der Unterrichtsversuchedurch eine der beteiligten Personen (z.B. Praktikant/in selbst, Schüler/innen, Praktikumsleiter/in) deutlich wird, dass ein Fehler aufgetreten ist. Anhand dieser Definition konnten insgesamt 343 Fehlersituationen (55% Anteil der berichteten Lernsituationen) identifiziert werden, was die Bedeutung des Lernens aus Fehlern im Kontext schulischer Praktika verdeutlicht. (2) In einem zweiten Schritt wurden die gefundenen Fehlersituationen nach inhaltlichen Gesichtspunkten von zwei unabhängigen Raterinnen kategorisiert. Dem Kategorienschema wurden die Merkmale guten Unterrichts nach Helmke (2010) zugrunde gelegt, was über alle Analyseschritte hinweg eine Interrater-Reliabilität von über 90% ergab. Die Kategorisierung erfolgte mit dem Ziel, eine Taxonomie für Fehler zu erstellen, die im Zuge von Unterricht im Praktikum auftreten und für Lernprozesse nutzbar gemacht werden können. Mit 26.5% aller Nennungen erweist sich die mangelnde Schüler/innenorientierung“ als größte Fehlerkategorie. Sie umfasst vor allem eine fehlerhafte Einschätzung des kognitiven Leistungsstands der Lernenden sowie ein daraus resultierendes über-oder unterforderndes Anforderungsniveau des Unterrichts. 21.9% aller genannten Fehlersituationen können der Kategorie „Klarheit und Strukturiertheit der Aufgabenstellung“ zugeordnet werden, in der beispielsweise unklare Instruktionen der angehenden Lehrer/innen zum Ausdruck kommen. Als weitere fehleranfällige Unterrichtsaspekte sind Probleme mit der Klassenführung zu nennen, vor allem ein suboptimaler „Umgang mit Störungen“ (9.0%). Die Merkmale guten Unterrichts besitzen also auch hinsichtlich wahrgenommener Herausforderungen in Praktikum praktische Relevanz mit Bezug auf die Entwicklung professioneller Handlungskompetenz von angehenden Lehrpersonen. Die Befunde der Untersuchung geben Aufschluss darüber, in welchen Bereichen eigene Erfahrungen und damit zusammenhängende Misserfolgserlebnisse im Sinne der Theorie des negativen Wissens zu fruchtbaren Lernprozessen führen können. Diese gilt es im Zuge der Lehramtsausbildung näher zu beleuchten und eine diesbezügliche Kompetenzentwicklung entsprechend zu unterstützen und zu fördern. So ist es wichtig, Studierende frühzeitig an Möglichkeiten der Diagnose des kognitiven Wissensstandes der Schüler/innen heranzuführen, um Unter- und Überforderung der Lernenden zu vermeiden und deren Lernprozesse zu optimieren.

Item Type:

Conference or Workshop Item (Poster)

Division/Institute:

07 Faculty of Human Sciences > Institute of Education > School and Teaching Research

UniBE Contributor:

Hascher, Tina

Subjects:

300 Social sciences, sociology & anthropology > 370 Education

Language:

German

Submitter:

Selina Teuscher

Date Deposited:

28 Jul 2017 15:35

Last Modified:

28 Jul 2017 15:35

URI:

https://boris.unibe.ch/id/eprint/97375

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